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Thermische Gebäudesanierung: vom Wohnbestand bis zum Nutztierstall

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06.10.2026 | von Ing. Martin Mayer

Die Zukunft verlangt von uns nicht nur klimafitte Wälder und Äcker, sondern auch Wohn- und Stallgebäude. Die Klimaveränderungen setzten neben unserer Landschaft auch vermehrt den Bewohnern und den Tieren zu.

Während in der Vergangenheit die Beheizung von Wohn- und Stallgebäuden im Winterhalbjahr eine der größten energetischen Herausforderungen darstellte, wird dies in Zukunft wahrscheinlich der Sommer sein - wie halte ich die Hitze aus dem Gebäude draußen. Thermische Sanierung halten nicht nur die Wärme im Winter im Haus, sondern sorgt auch für entsprechende Kühle im Sommer.

Die thermische Gebäudesanierung in der Landwirtschaft ist ein vielschichtiges Thema, das weit über die bloße Energieeinsparung im Wohnbereich hinausgeht. Während bei Wohn- und Bauernhäusern die Erfüllung rechtlicher Vorgaben und der Erhalt historischer Bausubstanz im Vordergrund stehen, entscheidet in Nutzgebäuden und Ställen die thermische Hülle direkt über das Stallklima, die Emissionsentwicklung und das Wohlbefinden der Tiere. Ein Workshop des Ländlichen Fortbildungsinstituts (LFI) und der Landwirtschaftskammer Österreich beleuchtete die wesentlichen Stellschrauben für eine zukunftsfähige Bau- und Sanierungspraxis auf landwirtschaftlichen Betrieben.

Rechtliche Voraussetzungen und normative Rahmenbedingungen

Den rechtlichen und normativen Rahmen von der europäischen Ebene bis zur nationalen Umsetzung beleuchtete Nicole Hartl von der Österreichischen Energieagentur (AEA). Sie ordnete die Vorgaben der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD 2024) in die nationale Praxis der OIB-Richtlinie 6 und der jeweiligen Landesbauordnungen ein.

Anwendungsbereich und Ausnahmen

Die OIB-Richtlinie 6 gilt grundsätzlich für alle konditionierten Gebäude, die auf Personen-Komforttemperatur (ca. 20 °C) beheizt oder gekühlt werden. Für die Landwirtschaft gelten jedoch wichtige Ausnahmen:

  • Nutzgebäude und Ställe: Landwirtschaftliche Nutzgebäude, Werkstätten sowie Gebäude, deren Beheizung überwiegend durch Prozessenergie oder direkte Abwärme (z.B. Stallwärme) erfolgt, sind von den Nachweispflichten ausgenommen.
  • Weitere Ausnahmen: Provisorische Bauten (< 2 Jahre Nutzung), rein frostfrei gehaltene Objekte sowie freistehende Gebäude mit weniger als 50 m² Nutzfläche.
  • Gemischte Nutzung: Beträgt die Nutzfläche einer abweichenden Nutzung (z.B. Hofladen oder Büro) mehr als 250 m², ist eine separate energetische Zonierung bzw. ein eigener Energieausweis erforderlich.

Neuerungen der OIB-Richtlinie 6 (2025/2027)

Zu den zentralen rechtlichen Neuerungen gehört der Entfall des umstrittenen Gesamtenergieeffizienz-Faktors (f_GEE) als Nachweisgröße. Der neue Standard für Neubauten orientiert sich am Nullemissionsgebäude (ZEB), das vor Ort keine fossilen Treibhausgase verursacht (verpflichtend ab 2028 für öffentliche Gebäude, ab 2030 für alle Neubauten). Zudem reicht die Skala der Energieeffizienzklassen von A bis G; die Bestklasse A setzt eine vollständige Dekarbonisierung voraus. Für die Ausstellung von Energieausweisen und Renovierungspässen ist nun eine physische Vor-Ort-Begehung gesetzlich vorgeschrieben.

Solargebot und Renovierungspass

Das Solargebot schreibt ab 2028/2030 schrittweise die Installation von Photovoltaik- oder Solarthermieanlagen bei Neubauten, umfassenden Sanierungen und überdachten Parkplätzen vor. Als strategisches Planungsinstrument dient der neu eingeführte Renovierungspass: Er stellt einen maßgeschneiderten Stufenplan dar, der Eigentümern aufzeigt, wie ihr Gebäude schrittweise in ein Nullemissionsgebäude transformiert werden kann.

Thermische Sanierung von Bauernhäusern: Bauphysik und Praxisansätze

Aus der Doppelperspektive der Baupraxis und der Energieberatung berichtete Johanna Radl (Energiebüro Radl/Baumeisterin & Energieberaterin). Sie zeigte auf, wie historische Bauernhäuser bauphysikalisch korrekt und zukunftsfähig saniert werden können.

Bauphysikalische Grundlagen und Feuchteschutz

Ältere Bauernhäuser (oft 200 - 400 Jahre alt) weisen komplexe Bausubstanzen auf, bei denen dicke Natursteinmauern, Ziegelwerk und Holzkonstruktionen aufeinandertreffen. Dicke Steinmauern bieten zwar eine hohe thermische Masse, schützen aber nicht vor Transmissionswärmeverlusten. Vor jeder Dämmmaßnahme muss die Feuchtigkeitsursache (z.B. kapillare Aufstiegsfeuchte, Hangwasser oder Salze aus früherer Viehhaltung) behoben werden.

  • Taupunkt und Schimmel: Unsachgemäße Innendämmungen verlagern den Taupunkt an die Schnittstelle zwischen Dämmung und Naturstein, was zu verdeckter Schimmelbildung führt.
  • Praxislösung: Eine hinterlüftete Außendämmung verlagert den Taupunkt gefahrlos nach außen. Bei feuchten Erdgeschossen hat sich in der Praxis oft erwiesen, das Erdgeschoss in Lager- oder Technikräume umzuwandeln und den Wohnbereich vollwertig im ausgebauten Dachgeschoss anzusiedeln. Im Übrigen darf bei gleichzeitiger Sanierung der Fenster auf entsprechende Lüftung nicht vergessen werden.

Sanierungsreihenfolge

Eine Sanierung muss strukturiert von oben nach unten ablaufen:

  • Dämmung von Dach bzw. oberster Geschossdecke
  • Dämmung der Fassade und Fenstersanierung (unter Vermeidung von Lichteinbußen bei dichten Mauern)
  • Dämmung der untersten Geschossdecke/Gewölbedecken
  • Dimensionierung der Heizung: Erst nach Reduzierung der Heizlast erfolgt die Anpassung des Heizsystems (Biomasse, Nahwärme, Wärmepumpe), um Fehlauslegungen zu vermeiden.

Ökologische Bewertung und Auswahl von Dämmstoffen

Die ökologische Bewertung von Wärmedämmstoffen analysierte Andreas Karitnig von der Genio Bauphysik GmbH. Er verglich synthetische, mineralische und nachwachsende Dämmstoffe anhand wissenschaftlicher Ökobilanzindikatoren (LCA).

Ökologische Amortisation und Grenznutzen

Grundsätzlich amortisiert sich der Herstellungsaufwand eines Dämmstoffs durch die eingesparte Heizenergie bereits nach sehr kurzer Betriebszeit. Allerdings bringt die Erstdämmung (die ersten 10 - 14 cm) den mit Abstand größten ökologischen Nettonutzen. Bei höheren Dämmstärken nimmt der energetische Einspareffekt nur noch marginal zu, während der Herstellungsaufwand (Graue Energie) linear steigt.

Dämmstoffkategorien im Vergleich.png © Open AI
Dämmstoffkategorien im Vergleich © Open AI
Karitnig betonte, dass Dämmstoffe stets bezogen auf dieselbe dämmtechnische Funktion (z.B. 1 m² Wand mit U = 0,18 W/m²K) verglichen werden müssen. Aufgrund der höheren Rohdichte benötigt beispielsweise Holzfaser bis zu 10-mal mehr Masse pro m² als EPS.

Stallbauliche & technische Maßnahmen

Mit steigender Stalltemperatur nimmt auch die Ammoniak-Emission drastisch zu (ca. +10% pro °C). Gedämmte Dächer, helle Dachflächen sowie verschattete Lichtelemente verhindern, dass das Gebäude als Strahlungsheizung wirkt. Zur Kühlung dienen frequenzgesteuerte Schlauchbelüftungen oder Großventilatoren sowie gezielte Sprühkühlungen.

Hühnerställe im System- und Energievergleich

Praktische Kennzahlen und Bautechniken aus der Geflügelhaltung präsentierte Klaus Küng (Bauberater & Energieberater der LK Vorarlberg).

  • Systemvergleich: Mobile Folientunnel zeigten in der Praxis einen extrem hohen Heizenergiebedarf - meist Gas sowie schwache Dämmung und hohe Überhitzungsneigung im Sommer. Bevorzugt werden stationäre Holzriegel-Ställe mit gedämmter Bodenplatte. Eine ungedämmte Bodenplatte führt zu Erdkälte, Kondensat an der Oberfläche und feuchter Einstreu, was Ballengeschwüre und Parasitenbefall (z.B. Rote Vogelmilbe) fördert.
  • Einsparpotenziale: Durch den Einsatz von Luft-Luft-Wärmetauschern in der Lüftung lassen sich in der Kükenmast bis zu 40% der Heizenergie einsparen. Fußbodenheizungen (Betonkernaktivierung) via Wärmepumpe oder Biomasse ersetzen fossile Strahler effizient.

Fazit

Die thermische Gebäudesanierung in der Landwirtschaft erfordert eine differenzierte Herangehensweise. Während beim Wohngebäude bauphysikalische Präzision, die richtige Reihenfolge der Sanierungsschritte und ökologische Dämmstoffe im Mittelpunkt stehen, sichern im Stallbau eine funktionierende Dämmung, moderne Klimatechnik und durchdachte Bauweisen primär das Tierwohl und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Betriebe.
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