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Europäische Holzwirtschaft – eine Lageanalyse

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22.09.2026 | von Ing. Martin Mayer

300 internationale Branchenentscheider, Ökonomen, Verbandsvertreter und Experten der mitteleuropäischen Forst- und Holzwirtschaft versammelten sich am Internationalen Holztag.

Holzmesse@Kärntner Messen.jpg © Archiv
© Archiv
Vom Sonderboom zur verhärteten Realität: Die makroökonomische Lageanalyse der Europäischen Holzwirtschaft stand im Mittelpunkt des Internationalen Holztages. Von verhaltener Hoffnung war wenig zu spüren, von strategischem Durchhaltewillen und klarer Standortbestimmung umso mehr: Am Freitag, dem 4. September 2026, versammelten sich rund 300 internationale Branchenentscheider, Ökonomen, Verbandsvertreter und Experten der mitteleuropäischen Forst- und Holzwirtschaft im Klagenfurter Messezentrum. Die Kernbotschaft: Während die langfristige Rolle von Holz als zentraler Klimaschutzbaustein unbestritten bleibt, fordert die Kombination aus verhärteter Industrierezession, gedrückter Baukonjunktur und regulatorischen Hürden wie der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) von den Betrieben extreme Flexibilität und Ausdauer.

Die mitteleuropäische Forst-, Säge- und Holzverarbeitungsindustrie blickt auf eine mehrjährige Phase immenser makroökonomischer Turbulenzen zurück. Nach den historischen Sonderbooms und Rekordgewinnen der Jahre 2021 und 2022, die von einer beispiellosen globalen Baunachfrage und gestörten Lieferketten getrieben waren, hat die nachfolgende geldpolitische Straffung der Zentralbanken den europäischen Bausektor in eine der schwersten Krisen der Nachkriegszeit gestürzt. Gunter Deuber, Chef-Volkswirt der Raiffeisenbank International AG, lieferte den anwesenden Führungskräften, Verbandsvertretern und Branchenentscheidern aus der Forst- und Holzwirtschaft eine unbeschönigte, wissenschaftlich fundierte und empirisch unterfütterte Lagebeurteilung der gesamtwirtschaftlichen Leitplanke. In seiner rund einstündigen Keynote präsentierte der Chefvolkswirt eine detaillierte Analyse der mitteleuropäischen Wirtschaftslage. Die Analyse gliederte sich in vier zentrale, eng miteinander verwobene Themenkomplexe: die verhärtete Industrierezession im Kernmarkt Europa, das strukturelle Konsumparadoxon der privaten Haushalte, die mittelfristigen Zins- und Finanzierungsperspektiven sowie die dringend gebotenen wirtschaftspolitischen Stellschrauben zur Standortsicherung.
 
Deuber - (c) Fachverband Holzindustrie.jpg © (c) Fachverband Holzindustrie
Gunter Deuber, Chef-Volkswirt der Raiffeisenbank International AG, beschrieb in seinem Vortrag, wie die Zukunft des Holzbaus aussieht. © (c) Fachverband Holzindustrie

Verhärtete Industrierezession im Kernmarkt Europa

Deuber stellte eingangs fest, dass sich der europäische Wirtschaftsraum in einer drastischen geografischen und sektoralen Zweiteilung befindet. Während einige Volkswirtschaften in Süd- und Südosteuropa (wie Spanien oder Teile der Balkanregion) dank robuster Dienstleistungssektoren und EU-Aufbauhilfen ein moderates Wachstum verzeichnen, steckt der industrielle Kern des Kontinents in einer tief verankerten und verhärteten Rezession. Besondere Sorge bereite die anhaltende Strukturschwäche Deutschlands. Als mit Abstand wichtigster Handelspartner der österreichischen Holzindustrie fungiert die deutsche Volkswirtschaft traditionell als Konjunkturmotor für den gesamten Alpen-Adria- und CEE-Raum. Fällt dieser Motor aus, spüren dies die mitteleuropäischen Sägewerke, Plattenhersteller und Holzbauunternehmen unverzüglich. Der Einbruch der privaten und gewerblichen Hochbautätigkeit in Deutschland und Österreich habe zwar in seiner rein rechnerischen Abwärtsdynamik eine Bodenbildung erreicht, von einer spürbaren Belebung könne jedoch keine Rede sein. Die Zahl der Baugenehmigungen verharrt auf historischen Tiefständen, und Stornierungen im Wohnbau sind nach wie vor an der Tagesordnung. Deuber warnte vor einer raschen V-förmigen Erholung – wer in seinen Unternehmensplanungen darauf hoffe, dass die Absatzvolumina der Jahre 2021/​2022 zeitnah zurückkehren, kalkuliere an den harten makroökonomischen Gegebenheiten vorbei. Die Rückkehr der gesamtwirtschaftlichen Leistung auf das Vor-Krisen-Niveau des Jahres 2022 sei ein zäher, mehrjähriger Prozess. Die Volkswirte von Raiffeisen Research gehen davon aus, dass dieses Niveau erst im schrittweisen Verlauf der Jahre 2026 und 2027 wieder nachhaltig erreicht werden kann. Für die Holzindustrie bedeutet dies: Das Auslastungsmanagement der Sägewerke und die Kapazitätsdisziplin bleiben auf absehbare Zeit die entscheidenden Überlebensfaktoren.
 

Das Konsumparadoxon und die historische Rekord-Sparquote

Ein zentraler Schwerpunkt von Deubers Ausführungen galt der detaillierten Betrachtung der privaten Haushalte und deren Ausgabeverhalten. Theoretisch gelte die kaufkraftbezogene Ausgangslage der Konsumenten in Österreich und Deutschland als gar nicht so schlecht: Nach den hohen Inflationsjahren haben die jüngsten Tarif- und Lohnabschlüsse zu spürbaren Reallohnzuwächsen geführt. Die Haushalte verfügen nominell über mehr verfügbares Einkommen als noch zwei Jahre zuvor. Dennoch kommt dieser Einkommenszuwachs weder im Einzelhandel noch im Bausektor an. Deuber bezeichnete diesen Zustand als ein ausgeprägtes „Konsumparadoxon“. Anstatt das zusätzlich verfügbare Geld in den Wirtschaftskreislauf einzuspeisen, bunkern die Bürgerinnen und Bürger ihr Kapital auf der Bank. Die Sparquoten in Österreich und Deutschland verharren auf historisch extrem hohen Niveaus, die man sonst nur aus Phasen akuter geopolitischer oder ökonomischer Krisenängste kennt. Diese kollektive Unsicherheit trifft die Holzbranche an ihrer empfindlichsten Stelle, nämlich beim privaten Eigenheim- und Wohnbau. Das Einfamilienhaus – über Jahrzehnte hinweg der verlässliche Hauptabnehmer für Schnittholz, Dachstühle, Brettschichtholz und Innenausbauprodukte – ist für breite Schichten der Bevölkerung in weite Ferne gerückt.

Neben den gestiegenen Erstellungskosten und den unklaren politischen Rahmenbedingungen bei Gebäudeenergiegesetzen wirken auch die strengen Kreditvergabe-Richtlinien als massiver Bremsklotz. Viele Familien, die das Eigenkapital und die theoretische Bonität besäßen, verschieben das Projekt „Hausbau“ auf unbestimmte Zeit oder sagen es komplett ab. Das Fehlen dieser breiten privaten Nachfragebasis kann derzeit auch nicht durch den öffentlichen oder gewerblichen Bau kompensiert werden.
 

Zinslandschaft und Kreditbedingungen: Das Ende der Gratis-Finanzierung

Zwar hat die EZB nach der steilen Zinserhöhungswelle der Jahre 2022/​2023 eine Kehrtwende vollzogen und den Zyklus der Leitzinssenkungen eingeleitet, um der schwachen Industriemotorik entgegenzuwirken. Deuber dämpfte jedoch jegliche Euphorie bezüglich der Reichweite dieser Schritte. Er stellte klar, dass Zinssenkungen nicht mit einer Rückkehr zur Schwemme billigen Geldes gleichgesetzt werden dürfen.
Die EZB strebe an, ihre Leitzinsen in einem sogenannten „neutralen Bereich“ einzupendeln – einem Niveau, das die Wirtschaft weder extrem anregt noch stark bremst. Für Projektentwickler, Bauträger und private Häuslbauer bedeutet dies: Das Zeitalter der Null- oder Negativzinsen, das die Baukonjunktur im vergangenen Jahrzehnt künstlich aufgebläht hatte, ist definitiv vorbei.
Kredite für Immobilien- und Infrastrukturprojekte bleiben im Vergleich zur Dekade vor 2022 dauerhaft teurer. Investoren und Banken verlangen wieder höhere Eigenkapitalquoten und eine konservativere Risikobewertung. Sämtliche Geschäftsmodelle der Holzindustrie, die auf einer extrem billigen Fremdkapitalfinanzierung von Bauprojekten aufbauten, müssen grundlegend neu kalkuliert werden.
 

Handlungsempfehlungen für Politik und Holzwirtschaft

Der Banker sprach sich nachdrücklich gegen breit gestreute staatliche Fördermittel aus, die oft ohne nachhaltige Lenkungswirkung verpuffen. Stattdessen benötige die Wirtschaft punktgenaue, Anreize auslösende Instrumente. Er plädierte für befristete Investitionsprämien für ökologische Neubauten und umfassende energetische Gebäudesanierungen. Nur wenn der Staat Anreize setzt, die privates Kapital mobilisieren, könne der Knoten im Bausektor gelöst werden. Eindringlich warnte Deuber vor einer Spirale aus drastischen Lohnkostensteigerungen ohne entsprechende Produktivitätsgewinne. Da die österreichische und deutsche Holzindustrie hochgradig exportorientiert ist, führen übermäßige Lohn- und Nebenkostensteigerungen zu einem direkten Wettbewerbsnachteil gegenüber Produzenten aus Skandinavien, Osteuropa oder Nordamerika.
Als energie- und logistikintensive Branche leidet die Holzverarbeitung massiv unter den im internationalen Vergleich hohen Energiepreisen in Mitteleuropa. Deuber forderte die Politik auf, durch gezielte Entlastungen bei Energieabgaben und Netzentgelten die Deindustrialisierung Kerneuropas zu stoppen und den produzierenden Betrieben Planungssicherheit zu geben.
 

Fazit und Ausblick

Die Kernbotschaft an die Holzwirtschaft lautet: Der Sektor muss sich auf eine längere Konsolidierungsphase einstellen, in der nicht das Mengenwachstum, sondern die betriebliche Effizienz, die Wertschöpfungstiefe und die Erschließung neuer Exportmärkte außerhalb Europas über den Unternehmenserfolg entscheiden. Die langfristigen Megatrends – der Klimaschutz, die Dekarbonisierung des Bausektors und die Kreislaufwirtschaft – sprechen nach wie vor uneingeschränkt für den Werkstoff Holz. Doch um die Früchte dieser grünen Transformation ernten zu können, muss die Branche die makroökonomische Durststrecke der nächsten Jahre mit kühlem Kalkül und strikter Kosten- und Kapazitätsdisziplin durchschreiten.
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Gunter Deuber, Chef-Volkswirt der Raiffeisenbank International AG, beschrieb in seinem Vortrag, wie die Zukunft des Holzbaus aussieht. © (c) Fachverband Holzindustrie